🍬 Die Freiheit der bunten Tüte: Die süße Geschichte von „Pick and Mix“
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Es ist ein fast rituelles Erlebnis: Man steht vor einer Wand aus Acrylboxen, die Schaufel in der Hand, und trifft die schwersten Entscheidungen des Lebens. Ein saurer Apfelring? Zwei Cola-Flaschen? Oder doch lieber riskieren, dass das Lakritz alles andere verpestet?
„Pick and Mix“ (in Deutschland oft einfach „gemischte Tüte“ oder „Kiosk-Mischung“ genannt) ist heute Standard in Kinos und Süßwarenläden. Doch dieses Konzept war einst eine radikale Revolution im Einzelhandel.
Hier ist die Geschichte, wie Süßigkeiten aus dem Glasgefäß des Verkäufers in unsere eigenen Hände wanderten.
1. Die Ära von „Penny Candy“ (Mitte des 19. Jahrhunderts)
Bevor es Selbstbedienung gab, waren Süßigkeiten eine ernste Angelegenheit. Man ging in einen „General Store“ (Gemischtwarenladen). Die Süßigkeiten lagerten in hohen Glasgefäßen hinter der Theke – unerreichbar für Kinderhände.
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Wie es funktionierte: Man musste dem Ladenbesitzer genau sagen, was man wollte („Zwei von den Roten, einen von den Grünen...“).
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Das Problem: Es war langsam, und Kinder (die Hauptzielgruppe) waren oft zu schüchtern oder hatten nicht genug Geld für ganze Packungen.
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Die Geburt des Begriffs: Da viele Einzelstücke nur einen Penny kosteten, entstand in den USA und UK der Begriff „Penny Candy“.
2. Die Revolution: F.W. Woolworth (1879)
Der Mann, der alles veränderte, war Frank Winfield Woolworth. Er ist der unbestrittene Vater des modernen „Pick and Mix“.
Woolworth erkannte ein psychologisches Problem: Wenn die Ware hinter Glas liegt und man nach dem Preis fragen muss, kaufen die Leute weniger. Er hatte die damals radikale Idee, die Ware offen auszustellen, damit die Kunden sie anfassen und selbst auswählen konnten.
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Das Experiment: In seinem ersten erfolgreichen „Five-and-Dime“-Store (Fünf- und Zehn-Cent-Laden) in Pennsylvania stellte er Süßigkeiten in offenen Schalen direkt auf die Theke.
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Das Ergebnis: Die Umsätze explodierten. Die Kunden liebten das Gefühl der Kontrolle und die visuelle Überflutung.
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Der globale Durchbruch: Woolworth brachte dieses Konzept nach Großbritannien, wo die Marke „Woolworths“ (liebevoll „Woolies“ genannt) zum Synonym für Pick 'n' Mix wurde. Über Jahrzehnte hinweg war die Süßigkeitenwand bei Woolworths der wichtigste Anlaufpunkt für Kinder nach der Schule.
3. Lördagsgodis: Der schwedische Einfluss (1950er)
Während Woolworth das Verkaufen revolutionierte, revolutionierten die Schweden das Essen.
In den 1950er Jahren führten schwedische Gesundheitsbehörden (basierend auf der Vipeholm-Studie zu Karies) die Empfehlung ein, dass Kinder nur einmal pro Woche Süßigkeiten essen sollten.
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Das Ergebnis: Der Samstag wurde zum offiziellen Süßigkeitentag – „Lördagsgodis“ (Samstags-Süßigkeiten).
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Die Auswirkung auf den Handel: Da man nur einmal pro Woche kaufte, wollten die Leute Menge und Vielfalt. Supermärkte in Schweden begannen, riesige Wände mit Hunderten von Sorten aufzustellen.
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IKEA: Es war das Möbelhaus IKEA, das dieses schwedische Konzept (Lösgodis) später weltweit in seine „Swedish Food Markets“ exportierte und damit „Pick and Mix“ auch dort populär machte, wo es Woolworth nicht gab.
4. Das Kino-Zeitalter & Die Hygiene-Wende
In den 1980er und 90er Jahren erkannten Multiplex-Kinos das Potenzial.
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Das Upgrade: Statt kleiner Papiertüten, die nach Gewicht bezahlt wurden, führten Kinos (und später Festivals) Becher zum Festpreis ein.
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Der psychologische Trick: „Fülle den Becher, so voll du kannst.“ Das wurde fast zu einem Sport („Tetris mit Gummibärchen“), führte aber dazu, dass Kunden oft mehr zahlten, als die Ware gewogen wert gewesen wäre.
5. Wer sind heute die „Big Player“?
Obwohl die originale Woolworth-Kette in UK und USA (in der alten Form) nicht mehr existiert, leben ihre Erben weiter:
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Candy King (Cloetta): Ein schwedisches Unternehmen, das heute der größte Lieferant für Pick-and-Mix-Konzepte in europäischen Supermärkten und Kinos ist. Wenn du im Kino vor der Wand stehst, ist es oft Candy King.
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Haribo & Co.: Hersteller begannen, eigene Flagship-Stores zu eröffnen, die ausschließlich aus riesigen Pick-and-Mix-Stationen bestehen.
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M&M’s World: Diese Stores (z.B. in London oder New York) haben das Konzept auf die Spitze getrieben – riesige Röhren, aus denen nur Schokolinsen in spezifischen Farben kommen.
Warum lieben wir Pick and Mix so sehr?
Wissenschaftler nennen es den „IKEA-Effekt“ (wir mögen Dinge mehr, an deren Entstehung wir beteiligt waren) gemischt mit dem „Paradox of Choice“.
In einer Packung „Color-Rado“ gibt es immer dieses eine Konfekt, das niemand mag (meistens das mit Kokos oder zu viel Lakritz). Bei Pick and Mix bezahlen wir einen Premium-Preis für die Freiheit, nur das zu nehmen, was wir wirklich wollen. Es ist die ultimative Personalisierung des Genusses.
Fazit
Pick and Mix ist mehr als nur Süßkram. Es ist ein Stück Einzelhandelsgeschichte. Es begann damit, dass ein Mann namens Woolworth beschloss, die Barriere zwischen Kunde und Produkt einzureißen.
Wenn du das nächste Mal die Schaufel in die Hand nimmst, denk kurz an Frank Woolworth – und pack dann noch ein extra Cola-Fläschchen ein.